Die Steuerberatungskanzlei 900 Grad wächst – personell, strukturell und kulturell. Mit rund 85 Mitarbeitenden an vier Standorten hat sich die Kanzlei in den letzten Jahren gezielt neu aufgestellt. Im Mittelpunkt: Die Teamleitung als eine starke zweite Führungsebene, die Verantwortung übernimmt und die Geschäftsführung entlastet. Sophia, Geschäftsführerin bei 900 Grad, berichtet im Gespräch mit Ulf Hausmann, wie dieser Wandel gelingen konnte.

 

Vom Schwarzwald an die Ostsee – und in die Geschäftsführung

Sophia Fischer kam 2020 als Sachbearbeiterin nach Kiel, der größten Niederlassung von 900 Grad. Schon im Vorstellungsgespräch machte sie deutlich, dass sie mehr vorhat: das Steuerberaterexamen und perspektivisch einen Wechsel in die Geschäftsführung. „Ich wurde da sehr unterstützt, vor allem von einem der damaligen Partner“, erinnert sie sich. Bereits vor dem Examen wurde sie Teamleiterin im Bereich Jahresabschluss – und übernahm damit erste Führungsverantwortung. Seit Anfang 2024 ist sie Teil der Geschäftsführung.

Der Aufbau der zweiten Ebene

Die Idee, Teamleitungen mit klarer Personalverantwortung zu schaffen, entstand aus einem praktischen Bedarf: „Wir wollten wachsen – aber das kann nicht alles bei der Geschäftsführung hängen bleiben.“ Der erste Schritt war die Einführung einer teambasierten Führungsstruktur. Statt klassische Niederlassungsleitungen setzte 900 Grad auf eine Matrixstruktur mit funktionsübergreifenden Teams. „Unsere Teamleitungen sind näher an den Mitarbeitenden dran und somit auch näher an ihren Bedürfnissen“, sagt Sophia.

Schon 2021 wurden die ersten Teamleitungen ernannt, 2022 folgte der strukturierte Aufbau der zweiten Ebene mit einem intensiven Coachingprogramm. Inzwischen umfasst die Gruppe rund 20 Führungskräfte.

Teamleitung beginnt mit Coaching

Eine tragende Säule des Konzepts ist das regelmäßige Führungskräfte-Coaching. Alle zwei Wochen treffen sich die Teamleitungen an wechselnden Standorten. Der Austausch ist offen: „Zuerst wird gefragt, ob jemand Sorgen oder Nöte hat – dann geht es in die Inhalte“, so Sophia. Auch Rollenspiele gehören dazu, „nicht immer angenehm, aber man wächst daran.“ Ergänzend finden Einzelcoachings statt, die die individuellen Stärken und Herausforderungen adressieren.

Wer eignet sich als Teamleitung?

Nicht jede Fachkraft ist automatisch geeignet für eine Führungsrolle. „Es kristallisiert sich schnell heraus, wer ein guter Teamleiter wird“, erklärt Sophia. Wichtige Merkmale: Begeisterung für den Beruf, ein Händchen für Menschen und die Bereitschaft, auch Konflikte anzusprechen. „Man muss nicht der Lauteste sein – aber man sollte präsent sein und Verantwortung wollen.“ Die Teamleiter:innen werden gezielt angesprochen und eingeladen, am Coaching teilzunehmen.

„Das Coaching gibt Sicherheit – und die braucht es in dieser Rolle und die Kolleg:innen wissen, wer ihre Teamleitung ist – das gibt Orientierung.“

Teamleitungen übernehmen das Recruiting

Ein deutliches Zeichen für das Vertrauen in die zweite Ebene: Vorstellungsgespräche werden inzwischen fast ausschließlich von den Teamleitungen geführt – ohne Geschäftsführung. Unterstützt werden sie von der Personalverantwortlichen Tessa, die selbst aus der Kanzlei stammt. „Tessa war ursprünglich auf dem Weg in die Steuerberatung, aber wir haben ihr Talent erkannt und sie gezielt zur People & Culture Managerin ausgebildet“, berichtet Sophia.

Der neue Recruitingprozess zeigt Wirkung: „Wir haben heute qualitativ hochwertigere Bewerber:innen als früher. Die Gespräche sind strukturierter, fachlich fundierter – und es wird auch mal kritisch nachgefragt.“

Fachliche Kompetenz trifft Soft Skills

Gerade bei Einstellungen wird gezielt auf fachliche Fragen gesetzt – aber auch auf Verhalten in Stresssituationen. Sophia selbst stellt gern knifflige Fälle vor: „Es geht nicht darum, dass die Kandidat:innen sie lösen – sondern wie sie reagieren, wenn es schwierig wird.“ Das Ziel: neue Teammitglieder, die fachlich stark sind und menschlich ins Team passen.

Interne IT-Expertise als Zukunftsmodell

Ein weiteres Beispiel für den gezielten Aufbau von Verantwortung ist das interne IT-Team: Fünf Mitarbeitende kümmern sich bei 900 Grad ausschließlich um Digitalisierung und Prozessoptimierung. Zwei davon betreuen die Technik intern, drei bis vier arbeiten an Digitalprojekten mit und beraten Mandanten. „Wir haben sogar ein Digitalisierungscockpit, das als Fahrplan dient“, erklärt Sophia.

Einige dieser Kolleg:innen kommen ursprünglich aus der Steuerberatung – andere wurden gezielt für diesen Bereich ausgebildet. „Fachliches Verständnis ist essenziell, um gute Lösungen zu entwickeln“, so Sophia. Besonders gefragt: Fachassistent:innen für Digitalisierung und IT-Prozesse (FAIT).

Fazit: Struktur und Kultur müssen zusammenpassen

Die Entwicklung bei 900 Grad zeigt, dass moderne Führungsstrukturen in Steuerkanzleien möglich und nötig sind – wenn sie gut begleitet werden. „Wachstum und Verantwortung müssen Hand in Hand gehen“, sagt Sophia. Die Kombination aus klarer Kommunikation, gezieltem Coaching und echtem Vertrauen in Mitarbeitende macht den Erfolg aus.

 

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Ulf Hausmann, MBA, ist geschäftsführender Gesellschafter der Kanzleipakt GmbH, einer Entwicklungsgemeinschaft mittelgroßer Steuerkanzleien, die als Inkubator für Automatisierung und KI in der Steuerberatung wirkt. Er begleitet Kanzleien bei der strategischen Neuausrichtung und unterstützt sie beim gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Kanzleiprozessen. Er ist Mitglied im KI-Ausschuss der Steuerberaterkammer Niedersachsen und Mitbegründer der Tax KI Community.

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