In der Podcast-Folge mit Mario Marques steckt viel, was Kanzleiinhaber:innen sofort auf ihre eigene Praxis übertragen können: eine klare Spezialisierung, bewusstes Zeit- und Kapazitätsmanagement, Führung durch Haltung – und Digitalisierung, die mit den Menschen statt gegen sie passiert. Der folgende Beitrag destilliert die wichtigsten Punkte für Steuerberater:innen, die ihre Kanzlei fokussierter, menschlicher und zukunftsfähiger führen wollen.

Der Auslöser: Gerechtigkeit als roter Faden

Marques’ Weg in die Steuerberatung beginnt mit einer Niederlage und der Erfahrung, unfair behandelt zu werden. „Ich fühlte mich einfach ungerecht behandelt“, sagt er rückblickend über die Zeit in der Finanzverwaltung. Aus diesem Gefühl wird Antrieb. Der Wert Gerechtigkeit zieht sich seitdem durch seine Entscheidungen – bis in die Kanzleiführung hinein: fairer Umgang, transparente Maßstäbe, klare Kommunikation.

Spezialisierung mit Maß – seit 2017

Den bewussten Schritt zur Fokussierung vollzieht die Kanzlei 2017: Schwerpunkt Gesellschaften, insbesondere Kapitalgesellschaften. Wichtig: Spezialisierung heißt nicht Kahlschlag. Bestandsmandate bleiben, neue Mandate außerhalb des Profils werden konsequent seltener angenommen – oft mit Empfehlung an passendere Kolleg:innen. „Die Spezialisierung unterstützt dabei, Nein sagen zu können“, beschreibt Marques den vielleicht größten, sofort spürbaren Effekt: weniger Kontextwechsel, gezieltere Fortbildung, klareres Recruitingprofil – und spürbar mehr Energie im Alltag.

Zeit als härteste Währung

Marques ordnet alles einem Ziel unter: Zeit. Statt Wachstum „um jeden Preis“ rechnet er rückwärts: Wie viel Geld brauche ich, um gut leben zu können? Welcher Umsatz folgt daraus? Diese Klarheit macht Auswahlentscheidungen leichter – von der Mandatsannahme bis zum Toolkauf. Ein ungewöhnlicher, aber wirksamer Hebel: leicht überbesetzen. „Ich halte meine Hand schützend über die Zeit – meine und die des Teams.“ Früh stellt er einen zweiten Steuerberater ein. Ergebnis: Puffer für Beratung, Einarbeitung, Projekte – und fürs Leben jenseits der Kanzleitür.

Digitalisierung als Teamprojekt, nicht als Toolliste

Spezialisierung und Digitalisierung laufen parallel. Der Einstieg: gemeinsam priorisieren, kleine Pakete schnüren, Medienbrüche abbauen – und die Betroffenen in die Entscheidung einbeziehen. Widerstände nimmt Marques ernst: „Der erste Gedanke vieler ist: Ich habe doch jetzt schon keine Zeit.“ Genau hier beginnt Führung: Arbeit umorganisieren, statt sie „on top“ zu legen; Beteiligung statt Verordnung; Vorteile für Mandant:innen und Team sichtbar machen. Digitalisierung dient nicht dem Selbstzweck – sie schafft Freiraum für bessere Beratung.

Führung durch Haltung: vom Appell zur Klarheit

Die vielleicht wichtigste Zäsur: Marques macht eine Coaching-Ausbildung – nicht, um zu „coachen“, sondern um besser zu führen. Erstens durch Selbstreflexion: Was ist meine Haltung? Wie wirke ich? Zweitens durch klare, anschlussfähige Kommunikation. Ein einfaches Beispiel: „Wir sollten den Jahresabschluss XY in nächster Zeit fertig machen“ hieß für ihn „1–2 Wochen“, für Mitarbeitende oft etwas ganz anderes. Heute klärt er Prioritäten, Fristen und Abhängigkeiten explizit – und bezieht die Workloads der Beteiligten ein. Sein Leitsatz: „Für mich ist das Wichtigste wirklich der Mensch im Gegenüber, dessen Wert und Bedürfnisse.

Gemeinsame Sprache und psychologische Sicherheit

Aus der Einzelkompetenz wird Teamkompetenz: Werte- und Bedürfnisarbeit (erst ich, dann wir), Feedback-Regeln üben, Rollenspiele zu heiklen Situationen, regelmäßige Mini-Übungen statt „einmal Workshop, dann nie wieder“. Der Rahmen: psychologische Sicherheit. „Nur in diesem Umfeld ist es möglich, dass Menschen sich öffnen und ehrlich sprechen.“ Eine daraus entstandene Grundregel prägt die Kultur: „Wir suchen nicht nach Schuld oder Schuldigen, sondern den Grund – und lernen daraus.“ Das wirkt: weniger Vermeidung, mehr Gestaltung.

Heikle Sollbruchstelle: High Performer ohne Empathie

Viele Kanzleien kennen das Muster: fachlich überragend, menschlich holprig – und das Team bröckelt. Marques adressiert diese Leistungs-/Empathie-Asymmetrie systematisch: Erwartungen an Verhalten klar benennen, Wirkung spiegeln, gemeinsame Verabredungen treffen und nachhalten. Ziel ist nicht „Umerziehung“, sondern teamtaugliche Zusammenarbeit – ohne die Leistungsträger:innen zu verlieren. Führung heißt hier befähigen statt managen: Softskills sind kein „Nice to have“, sondern Produktivfaktoren.

Recruiting und Entwicklung: Mentoring als Angebot

Statt „fertige“ Leute zu suchen, entscheidet sich die Kanzlei bewusst für Mentoring. Neue Kolleg:innen – auch Quereinsteiger aus der Verwaltung – werden eng begleitet, bekommen Verantwortung im Tempo, das zu ihnen passt, und nehmen an Führungstrainings teil. Das zieht an: Menschen kommen, weil sie wachsen können.

KI mit Augenmaß: Assistent statt Ersatz

Beim Thema KI bleibt Marques pragmatisch. Was kurzfristig Nutzen stiftet, steht oben: E-Mail-Management zur Priorisierung und Vorstrukturierung, später Kanzlei-Agenten als fachliche Sparringspartner für Recherchen und Ideen. Auf einen öffentlichen Chatbot verzichtet die Kanzlei bewusst: „Es soll persönlich bleiben.“ Grundhaltung: Automatisierung schafft Zeit – nicht zwingend für mehr Mandate, sondern für bessere Beratung und ein gesünderes Arbeitstempo.

Konkrete Schritte für Ihre Kanzlei

  1. Werte klären, Zielumsatz definieren. Wieviel brauchen Sie wirklich? Daraus folgt, worauf Sie verzichten können.

  2. Spezialisierung schärfen. Neue Mandate nur passend zum Profil; Empfehlungen statt Bauchschmerzen.

  3. Kapazität puffern. Leichte Überbesetzung als strategischer Schutzschirm für Qualität, Projekte und Ausbildung.

  4. Priorisierung transparent machen. Ziele, Fristen, Abhängigkeiten schriftlich und gemeinsam klären.

  5. Teamkompetenz trainieren. Feedback-Regeln üben, Rollenspiele zu realen Fällen, regelmäßige kurze Formate.

  6. Regel „keine Schuldigen“. Ursachen finden, lernen, verbessern – und das sichtbar machen.

  7. KI pragmatisch einführen. Mit E-Mail-/Dokumenten-Workflows starten; Agenten testen; keine Tools ohne klaren Nutzen.

Fazit: Drei Hebel für mehr persönliche Freiheit

Marques fasst seinen Ansatz gern in drei Säulen: eigene Persönlichkeitsentwicklung, Entwicklung der Mitarbeitenden/Teamentwicklung und Fokus durch Spezialisierung mit Digitalisierung/Automatisierung. Zusammen erzeugen sie den Freiraum, den viele sich wünschen – fachlich wie privat. Oder, wie er es formuliert: „Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn man realisiert, dass man nur eines hat.

Wer heute in der Steuerberatung führt, gestaltet nicht nur Prozesse, sondern Haltungen und Räume. Dort, wo Spezialisierung, Teamkompetenz und Technologie aufeinander abgestimmt sind, entsteht genau das: eine Kanzlei, die leistungsfähig und menschlich ist – und die den Wandel aktiv nutzt.

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Ulf Hausmann, MBA, ist geschäftsführender Gesellschafter der Kanzleipakt GmbH, einer Entwicklungsgemeinschaft mittelgroßer Steuerkanzleien, die als Inkubator für Automatisierung und KI in der Steuerberatung wirkt. Er begleitet Kanzleien bei der strategischen Neuausrichtung und unterstützt sie beim gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Kanzleiprozessen. Er ist Mitglied im KI-Ausschuss der Steuerberaterkammer Niedersachsen und Mitbegründer der Tax KI Community.

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