Tax Engineer

Von Nadine Michel

Wir schreiben das Jahr 2040; Elon, Tax Engineer, ohne physische Niederlassung, ein 180 Zoll Bildschirm, eine Videokonferenz, verhinderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden durch ihren persönlichen Avatar vertreten und Kryptowährungen gehören der Vergangenheit an. Mit diesen Aspekten nahm uns Stefan Groß, Steuerberater, Certified Information Systems Auditor und Partner der Kanzlei Peters, Schönberger & Partner, München mit auf eine spannende Zeitreise und leitete gleichzeitig unsere Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Vom Steuerberater zum Tax Engineer“ im Rahmen des 60. Deutschen Steuerberaterkongress am 2. Mai 2022 in Berlin ein.

Mit welchen Rollen und neuen Beratungsfeldern wir uns zukünftig in der Steuerberatung beschäftigen sollten, was sich aus dem „Amazon-Effekt“ für die Steuerberatung ableiten lässt und wieso Digitalisierung im Kopf anfängt, lesen Sie im folgenden Beitrag.

Neue Rollen in der Steuerberatung

Die Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten, aber der bzw. die Steuerberater:in wird nicht durch eine Maschine ersetzt. Künstliche Intelligenz übernimmt vielmehr Routineaufgaben. Der bzw. die Steuerberater:in und die Maschine bilden eine perfekte Symbiose. Digitalisierung und die damit einhergehende Veränderungen erhöhen die Attraktivität des Berufsstandes.

Über diese Kernaussagen waren wir uns im Plenum einig, nur was bedeuten diese für die zukünftigen Rollen, die wir in unseren Kanzleien künftig benötigen? Lassen Sie mich hierzu zwei Rollen exemplarisch aufgreifen:

Der bzw. die Steuerberater:in von morgen arbeitet als Tax Engineer und kombiniert die eigene steuerliche Expertise mit dem Wissen aus der Informationstechnologie. Im Rahmen seiner bzw. ihrer Tätigkeit wird er bzw. sie zum Prozessspezialisten und digitalen Berater der Mandant:innen.

Einen speziellen Fortbildungslehrgang zum Tax Engineer gibt es nicht und auch die Fortbildung im Rahmen des Steuerberaterexamens vermittelt das benötigte Fachwissen aktuell noch nicht. Ein gewisses Selbststudium wird erforderlich sein. Für interessierte Kollegen:innen empfehle ich z. B. REthinking Tax oder TAXPUNK als Informationsquellen.

Eine zweite, für mich entscheidende, Rolle in der zukünftigen Kanzlei nimmt der bzw. die Fachassistent:in Digitalisierung und IT-Prozesse (FAIT) ein.

Die speziell ausgebildeten Mitarbeitenden können mit ihrem Wissen den bzw. die Kanzleiinhaber:in bei der Organisation, Umsetzung und Weiterentwicklung einer Digitalisierungsstrategie aktiv unterstützen. Sie stellen zudem das Bindeglied zwischen Kanzleiinhaber:in und Kanzleiteam im Rahmen des Veränderungsprozesses dar.

Anders als für den Tax Engineer gibt es für den FAIT spezielle Fortbildungsangebote zum/zur Fachassistent:in. Aus meiner Sicht bietet hier besonders der Lehrgang des Steuerrechtsinstitutes Knoll einen Mehrwert für die Teilnehmer:innen, da die Kombination aus eigener Lernplattform, Live-Online-Training, einem Klausurenkurs und Online-Workshops in Kleingruppen für fundiertes Wissen mit hohem Praxisbezug sorgt.

Der Lehrgang ist aber nicht nur für Mitarbeiter:innen interessant, sondern auch für Berufskolleg:innen, die sich im Bereich Digitalisierung hin zum Tax Engineer weiterbilden möchten.

Vom Steuerberater zum Digitalisierungsberater

Die zunehmende Digitalisierung führt auch dazu, dass unsere Mandant:innen von uns ein hohes Maß an IT und Prozessverständnis erwarten. Wir, als Steuerberater:innen, werden erster Ansprechpartner in allen Fragen rund um die digitalen kaufmännischen Prozesse in den Unternehmen unserer Mandant:innen sein. Durch den steigenden Grad an Digitalisierung verändern bzw. ergeben sich zudem komplett neue Beratungsfelder. Z.B. die Prozess- und Digitalisierungsberatung oder auch Beratung zu den Bereichen Verfahrensdokumentation und Tax Compliance.

Wir haben so die Möglichkeit, uns als kompetente Berater unserer Mandant:innen auf dem Weg in die digitale Zukunft zu positionieren. Diese steigenden bzw. veränderten Anforderungen machen das Erfordernis der Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter:innen und Berufsträger:innen in diesem Bereich umso deutlicher.

Auch im Bereich Digitalisierungsberatung kommt dem FAIT zukünftig eine entscheidende Rolle zu. Er bzw. Sie optimiert und koordiniert die Zusammenarbeit mit den Mandant:innen und wird in der Kanzlei erste:r Ansprechpartner:in für alle digitalen Fragestellungen sein.

Social Media und der „Amazon-Effekt“ – die Digitalisierung schafft gänzlich neue Möglichkeiten

Social-Media-Kanäle wie Facebook, Instagram, LinkedIn, XING, Twitter sowie Internetpräsenzen bieten uns die Möglichkeit, auch überregional potenzielle Mandant:innen und – viel wichtiger – potenzielle Mitarbeiter:innen zu erreichen.

Durch die zunehmende Digitalisierung verlieren Distanzen immer mehr an Bedeutung und es tritt eine Art „Amazon-Effekt“ ein. Der potenzielle Mandant, die neue Mitarbeiterin – alles ist nur noch ein Klick von uns entfernt. Klassische Standortvorteile wie Regionalität oder auch räumliche Nähe verlieren zunehmend an Bedeutung.

Dank digitaler Prozesse und mobilem Arbeiten spielt es kaum mehr eine Rolle, wo der Mitarbeiter sitzt oder wie lange sein Anfahrtsweg zur Kanzlei ist.

Die Digitalisierung sorgt damit im Bereich Mitarbeitergewinnung und Erschließung von Mandantenpotenzialen für gänzlich neue Möglichkeiten.

Digitalisierung fängt im Kopf an

Wenn wir von Digitalisierung in der Steuerkanzlei sprechen, dreht sich zunächst viel um technische Themen und wir stellen uns u. a. die Frage, welche Software oder welches Tool das richtige für uns und unsere Mandant:innen ist.

Wenn Sie mich fragen, sollten wir den Fokus zunächst auf unser Mindset legen. Dieses ist zunächst viel entscheidender als die technischen Komponenten und bildet den Schlüssel zum Erfolg im anstehenden Veränderungsprozess. Was genau versteht man unter Mindset? Einfach ausgedrückt beschreibt der Begriff Mindset unsere innere Haltung oder auch Denkmuster.

Für einen erfolgreichen Veränderungsprozess müssen wir die Situation voll und ganz akzeptieren und die natürlichen Barrieren, die unser Mindset beeinträchtigen, loslassen. Die Barrieren existieren in vielen Kanzleien und sind z. B. an Aussagen wie „Es läuft doch so ganz gut“ und „Das haben wir doch schon immer so gemacht“ zu erkennen.

Der Weg von der Reflexion des eigenen Mindset hin zu der Bereitschaft der Veränderung ist, so meine Erfahrung aus der Praxis, eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die sich aber langfristig auszahlen wird.

Sind Sie bereit zur Veränderung und haben aktiv die Entscheidung getroffen, sich auf die geänderten Rahmenbedingen einzulassen? Ja? Dann empfehlen sich die weiteren Schritte in der dargestellten Reihenfolge:

  • Wie soll unsere Kanzlei künftig aussehen? Definieren Sie ein Zielbild.
  • Kommunizieren Sie Ihre Entscheidung und das damit verbundene Zielbild.
  • Setzen Sie Ihre Pläne gemeinsam mit Ihrem Team um und gehen Sie den Weg in die digitale Zukunft Ihrer Kanzlei.

Nur wer Veränderung annimmt und meistert, kann seine Ziele erreichen.

aus John Kotter/Holger Rathgeber „Das Pinguin-Prinzip: Wie Veränderung zum Erfolg führt"

Buchtipps:

  • Change Mindset: Veränderungsprozesse ins Rollen bringen!“ von Sebastian Wächter
  • „Das Pinguin-Prinzip“ von John Kotter/Holger Rathgeber

Fazit: Die Kanzlei zukunftssicher gestalten

Durch die sich verändernden Rollen und Beratungsfelder ergibt sich ein spannendes „neues“ Berufsbild des Steuerberaters. Der Tax Engineer und der FAIT kombinieren ihre steuerliche Expertise mit dem Wissen der Informationstechnologie und werden zu kompetenten Ansprechpartner:innen in digitalen Fragen für die Mandant:innen auf dem Weg in die digitale Zukunft. Räumliche Distanzen verlieren zunehmend an Bedeutung. Potenzielle Mitarbeiter:innen sowie Mandant:innen sind nur noch einen Klick von uns entfernt und wir schauen gespannt in die Zukunft, in der uns vielleicht unser persönlicher Avatar den ein oder anderen Termin abnimmt. Nehmen auch Sie die Veränderung an und starten den Weg hin zur Kanzlei der Zukunft.

Bild: Adobe Stock/venimo
Nadine Michel

Nadine Michel ist Steuerberaterin bei der Götz Baum Nünke PartG mbB. Im Rahmen ihrer Tätigkeit beschäftigt sie sich intensiv mit den Themenbereichen Change-Management und digitalen Wandel in der Steuerberatung.

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