
Viele Kanzleien nutzen bereits gelegentlich KI-gestützte Tools wie ChatGPT. Doch laut der diesjährigen Leserumfrage auf tax-tech.de wünschen sich 77 Prozent der Teilnehmenden Unterstützung in Form von konkreten Anwendungsszenarien aus dem Kanzleialltag[1]. Schulungen und KI-Trainings können helfen, das gesamte Kanzleiteam auf einen Wissensstand zu bringen und gemeinsam entwickelte Bots direkt in der Kanzlei zu nutzen. Wie laufen solche Trainings konkret ab?
Martha Kiehl war bereits in verschiedenen Funktionen für die Steuerberaterbranche tätig. Heute ist die ehemalige Finanzbeamtin aus Leidenschaft als KI-Beraterin und Trainerin für Kanzleien tätig und steht im Interview Rede und Antwort zum Nutzen und Inhalt von KI-Trainings für Steuerkanzleien.
Martha, wie ist deine Idee entstanden, KI-Trainings für Kanzleien anzubieten?
Der Grund war eine Mischung aus meiner persönlichen Begeisterung für – damals nur – ChatGPT. Ich habe mit ChatGPT gestartet, genauer gesagt mit kleinen Helfer Bots, die den Tag ein bisschen vereinfachen können. Gleichzeitig habe ich in die verstaubte Steuerwelt geblickt – zu Beginn aus der Sicht der Finanzverwaltung, danach aus der Sicht der Steuerkanzleien. Ich habe dann gemerkt, dass hier noch ganz vielen geholfen werden kann.
Durch mein Studium dachte ich, ich könnte das gut miteinander verbinden, weil ich sehr gerne Menschen berate, mit ihnen in den Austausch gehe und auch gerne die Angst nehmen möchte, sich gar nicht mit diesem Thema beschäftigen zu wollen oder die Angst wegzunehmen, man schaffe sich selber ab.
Und Steuerkanzleien sind wirklich dankbar, wenn man ihnen ein bisschen Zeit schenken kann.
Wie können sich Steuerkanzleien solche KI-Coachings konkret vorstellen?
Ich starte immer mit ChatGPT, weil ich finde, dass das wirklich ein guter Ausgangspunkt ist, um verstehen zu können, wie ein Large Language Model funktioniert, wie KI überhaupt „denkt“ und wie man promptet. Das ist die Basis für alles Weitere.
Dieses Wissen kann man dann auf alle anderen KI-Tools übertragen. Zusätzlich hat man ein Grundverständnis, um die Entscheidung zu treffen: Ist KI überhaupt die richtige Lösung für mein spezielles Problem?
Viele Anwenderinnen und Anwender haben eine sehr, sehr hohe Vorstellung von KI – dann kommt die Ernüchterung, weil sie in bestimmten Situationen merken: Das passt gar nicht zu meinem Problem.
Man muss auch die Fähigkeit erlernen, einzuschätzen: Kann das ein „normales Programm“ lösen, das immer das gleiche Ergebnis ausspuckt – wo ich aber auch die gleichen Informationen eingeben muss? Oder habe ich ein Problem, bei dem es nicht schlimm ist, dass unterschiedliche Ergebnisse rauskommen, weil die KI auf Wahrscheinlichkeitsberechnung basiert?
Wenn man das Grundgerüst verstanden hat, kann man den Rest der Zeit in die individuelle Beratung gehen.
Am Anfang gibt es immer ein Erstgespräch. Ich versuche dann, die Leute erst mal abzuholen, wo sie stehen. Das Ganze dauert einen kompletten Tag, entweder remote oder vor Ort. Es gibt so viele unterschiedliche Arbeitsweisen in Kanzleien, dass es Sinn macht, am Ende noch individuelle Probleme zu lösen.
Wenn wir beispielsweise kleine Bots bauen, sollen Kanzleien die fertigen CustomGPTs bereits im Anschluss nutzen können. Wir gehen gemeinsam in die Anwendung, damit die Teilnehmenden live Fragen stellen können.
Gibt es außer ChatGPT noch andere Angebote, die für eine größere Masse an Steuerkanzleien auch vielversprechend sind?
Es gibt unterschiedliche KIs mit unterschiedlichen Anwendungsfällen. Mit ChatGPT kann man ganz viele Sachen gar nicht machen – aus Datenschutzgründen, aufgrund des Steuergeheimnisses oder des Urheberrechts.
Es gibt Anwendungsfälle, die Steuerkanzleien nach einer entsprechenden Schulung rechtssicher umsetzen können. Andere Anwendungsfälle werden durch andere KI-Lösungen abgebildet.
Ich werde beispielsweise in der nächsten Zeit auch noch den AI Playground von TAXPUNK als Lösung vorstellen. Der richtet sich gezielt an die Steuerberaterbranche. Ich setze mit meinem Geschäftspartner auch lokale Language Models auf. Es kommt immer drauf an, wieviel Geld die Steuerkanzleien investieren wollen.
Wo sollten Kanzleien deiner Meinung nach beginnen, wenn sie beim Thema KI noch bei null stehen? Macht es beispielsweise mehr Sinn, wenn man eine Person in der Kanzlei mit dem Thema beauftragt oder müssen direkt alle auf den gleichen Wissensstand hinarbeiten?
Es ist auf jeden Fall nicht zielführend, wenn eine Person sich damit beschäftigen soll, denn man kann nicht nebenbei eine Kanzlei abholen und sicherstellen, dass sie KI tatsächlich nutzt.
Man muss als Kanzleiführung mindestens einen Tag opfern, besser sogar mehrere. Man kann dann immer noch Follow-up Termine machen. Wenn man alles in einen Tag packt, kann man im Anschluss noch kürzere Termine anbieten, in denen live die Anwendung geübt wird. Denn viele sind technisch nicht so versiert und manchmal kommen Probleme auf.
In der Anwendung von ChatGPT wäre ich teilweise gar nicht auf bestimmte Probleme gekommen, oder hätte gewusst, dass noch gewisse Gedankenstützen aufgebaut werden müssen. Manchmal vergisst man, dass man die Leute erst mal richtig am Anfang abholen muss und dann ist dieser persönliche Austausch wirklich wichtig.
Mitarbeitende sind übrigens oft noch gestresster als die Steuerberaterinnen und Steuerberater. Wenn diese die Zeitersparnis und den Mehrwert sehen und gleichzeitig verstehen, dass sie sich nicht abschaffen, dann kannst du fast alle mitnehmen.
Gibt es noch etwas, was du Kanzleien im Rahmen dieses Interviews mitgeben möchtest?
Es stimmt, dass Kanzleien sich in Zukunft, wenn sie ein mit KI-Modellen lösbares Problem haben, erstmal dort hinwenden werden anstatt klassisch die Google Suche zu nutzen. So ein Umdenken hatte ich auch tatsächlich live in einer Schulung. Eine Mitarbeiterin hat sich gefragt, ob sie sich das neue Huawei Handy holen soll und hat dann mit einem Mitarbeiter darüber philosophiert. Ich habe dann zu ihr gesagt: Wir sind gerade in einer KI Schulung – warum fragst du das jetzt nicht ChatGPT? Wir haben dann ChatGPT mit ein paar Extrafunktionen genutzt und auch Deep Research in der Bezahlvariante aktiviert. Am Ende hatte sie ihre Antwort und wir waren alle happy.
Martha, vielen Dank für das Interview.
[1] tax-tech.de Leserumfrage: „Umfrage zu Interessen und Themen in der Steuerberatung 2025“




