Unter dem Motto „Steuerberatung im Wandel“ fand vom 14. bis 21. September 2021 der Steuer-Konvent – forum bfd digital für Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen bereits zum dritten Mal virtuell statt. Eine Woche lang war es möglich, sich Vorträge rund um aktuelle Themen der Steuerbranche wie Restrukturierung, Digitalisierung und Recruiting anzuhören. Zusätzlich konnten auf der virtuellen Messe verschiedene Stände besucht und sich mit Referent:innen sowie Kolleg:innen ausgetauscht werden. Lesen Sie in diesem Beitrag die wichtigsten Erkenntnisse aus vier Vorträgen.

Flexibilität, Incentives und Purpose

Welcher Wandel der Arbeitswelt steht uns nach der Coronakrise bevor? Darüber referierte Matthias Horx, Publizist und Gründer des Zukunftsinstituts. Die Pandemie habe bei vielen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen zu einem Umdenken geführt. Horx nannte Amerika als Beispiel, wo gerade „The Great Resignation“, „Der große Rücktritt nach Corona“, stattfindet. Viele Leute hätten ihren Job nach der Pandemie gekündigt oder nicht wiederaufgenommen, da sich neue Perspektiven aufgezeigt haben.

Steuer-Konvent 2021
U.S. Bureau of Labor Statistics: Die große Kündigungswelle in den USA aufgrund der Corona-Pandemie

Horx plädierte dafür, Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen andere, neue Angebote zu machen, gerade in Bereichen wie der Steuerberatung, in der Fachkräfte händeringend gesucht werden. Neben Flexibilität und Incentives sei dabei auch Purpose ein entscheidender Faktor: Menschen wollten Motivation und Sinn in ihrer Arbeit sehen und die Chance haben, sich weiterzuentwickeln.

Horx stellte zudem fest, dass die Digitalisierung nach einer Phase des rasanten Wachstums heute nicht mehr nur als rein positiv betrachtet werde. Viel mehr rückten auch Probleme der Digitalisierung in den Vordergrund, z. B. durch die Debatte um „Fake News“. Horx schlussfolgerte, dass Digitalisierung da sinnvoll sei, wo sie tatsächlich Verbindungen schaffe und nicht dort, wo sie Beziehungen ersetze. Dort werde sie sich seines Erachtens nach hin entwickeln.

„Leitbild Einzelkanzlei unter Druck“

Auch Jürgen Derlath, Steuerberater und stellvertretender Chefredakteur des IWW Institut, warf in seinem Vortrag einen Blick in die Glaskugel: Wie entwickelt sich der Steuerberatungsmarkt und welche Trends lassen sich daraus ableiten? Eine Erkenntnis: Die Zahl der Einzelkanzleien geht weiter zurück. Allein im Jahr 2020 reduzierte sich die Zahl – auch aufgrund der Coronakrise – um 3.000. Umgekehrt steigt die Zahl der Steuerberatungsgesellschaften und die der Steuerberater:innen in einem Anstellungsverhältnis. Aber auch der Trend der „Seniorisierung“ der Steuerberatung setzte sich weiter fort. So lag der Anteil der über 50-Jährigen 2020 bei 56 Prozent.

Blickt man auf die Trends im Bereich Digitalisierung, zeige sich, dass Sozietäten sowie Steuerberatungsgesellschaften die Digitalisierung eher als strategische Chance begreifen und bereits deutlich digitaler aufgestellt sind als Einzelkanzleien. Doch was sind die Gründe dafür, dass die Digitalisierung zum Teil nur wenig bis gar nicht vorangetrieben wird? Laut DATEV Branchenmonitor seien im Jahr 2020 neben dem zeitlichen Aufwand „die drei M“ Mandanten, Mindset (des Inhabers) und Mitarbeitende die häufigsten Hemmnisse. Derlaths Prognose: Kanzleien, die sich auch zukünftig nicht digital aufstellen, bekommen Probleme mit den sich verändernden Anforderungen der Finanzverwaltungen und haben weniger Erfolg mit neuen Dienstleistungen.

Steuer Konvent-2021
Jürgen Derlath: Steuerberatung – 7 Trends und ein Blick in die Glaskugel

Wie kann Digitalisierung umgesetzt werden?

Um die konkrete Umsetzung der Digitalisierung drehte sich der Vortrag „Digitalisierung in der Steuerkanzlei“ von Steuerberater Mirco Schmale. Er erörterte zwei Aspekte, die für den Erfolg des Digitalisierungsprojektes maßgeblich seien: 1. die Ist-Analyse, um zu vermeiden, dass schlechte analoge Prozesse in die digitale Welt übertragen werden und 2. die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden. Hier sorgten Mitwirkung und Transparenz für Akzeptanz, Motivation und Erfolg. In welchen konkreten Bereichen die Digitalisierung lohnenswert sei, fasste Schmale folgendermaßen zusammen:

Steuer-Konvent 2021
Mirco Schmale: Digitalisierung in der Steuerkanzlei

Im Rahmen des Kanzleimanagements seien zum Beispiel die Digitalisierung des Postein- und -ausgangs, des Dokumentenmanagements, des Fristenmanagements sowie der Kommunikation sinnvolle Digitalisierungsprojekte, die mehr Zeit für Beratungsleistung ließen und die Mitarbeiterzufriedenheit steigerten.

KI und Digitalisierung als Lösung für aktuelle Probleme im Steuer- und Wirtschaftsprüfungsbereich

Im Rahmen der Digitalisierung fällt auch immer wieder der Begriff „Künstliche Intelligenz“  – aber wie kann sie in der Steuerberatung konkret helfen und was sind die aktuellen Probleme bei der Implementierung? Martin Scheid, Researcher und Projektleiter am DFKI in Saarbrücken, versuchte sich dem Thema auf praktische Weise zu nähern und stellte einen Prototypen zur Automatisierung der Rechnungsbearbeitung vor. Ziel des Prototyps sei, (Papier-)Rechnungen automatisch zu scannen und zu bearbeiten.

Das größte Problem, vor dem die Entwickler hierbei stünden, sei, dass KI momentan noch mehr Informationen benötige als der Mensch. Fehlt zum Beispiel eine Angabe auf der Rechnung, kann ein Mensch diese aus dem Gedächtnis ergänzen. Die KI kann das im Zweifelsfall nicht, wenn sie nicht vorher mit den entsprechenden Informationen trainiert wurde. Aus diesem Grund werden die vom Prototyp automatisch bearbeiteten Rechnungen momentan noch einem Mitarbeiter bzw. einer Mitarbeiterin zur Kontrolle vorgelegt.

Steuer-Konvent 2021
Martin Scheid: Digitalisierung und Integration

Ein ähnliches Problem tut sich beim Thema Datenintegration auf. Das Datenbanksystem eines Unternehmens wird von verschiedenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Informationen gepflegt. Wenn eine Mitarbeiterin Informationen abfragen möchte, greift sie in der Regel aber nicht nur auf die Daten zurück, die im System hinterlegt sind, sondern ggf. auch auf Zusatzinformationen, die z. B. in einer Excel-Tabelle auf ihrem Desktop oder in ausgedruckten Dokumenten auf ihrem Schreibtisch liegen. All diese Datenbestände müssen in einer gemeinsamen Datenbank gebündelt werden, damit die KI wirklich auf alle Daten des Unternehmens zugreifen und zuverlässige Ergebnisse liefern kann.

Scheid schlussfolgerte, dass KI Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen noch lange nicht ersetzten könne. Rein repetitive Aufgaben könne KI aber schon jetzt gut erledigen.

Fazit: Plädoyer für mehr Digitalisierung

Die meisten Referent:innen waren sich einig: Die Arbeitswelt der Steuerberatung wandelt sich und sollte von Steuerberaterinnen und Steuerberatern aktiv mitgestaltet werden, um zukunftsfähig und attraktiv für Mandant:innen sowie Kanzleimitarbeitende zu bleiben. Der diesjährige Steuer-Konvent bot hierzu eine bunte Mischung an Impulsen und Austauschmöglichkeiten.
Die virtuellen Möglichkeiten konnten den tatsächlichen Austausch auf einer Messe vielleicht nicht ganz ersetzten, doch kamen dem realen Messeerlebnis bereits sehr nahe.

Foto: Steuer-Konvent – forum bfd digital
by: