
Drei KI-Tools werden in Steuerkanzleien aktuell am häufigsten diskutiert: ChatGPT, Claude und Perplexity. Alle drei sind nützlich – aber für unterschiedliche Aufgaben. Dieser Beitrag zeigt, welches Tool wofür taugt, wo die Grenzen liegen und was beim Datenschutz zwingend zu beachten ist.
1. Warum jetzt?
Im Februar 2026 hat die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) ihren ersten FAQ-Katalog „KI in der Steuerberatung" veröffentlicht. Im April 2026 folgte der Deutsche Steuerberaterverband (DStV) mit einer Muster-KI-Anwendungsrichtlinie. Die Botschaft der Standesorganisationen ist klar: KI-Einsatz in Kanzleien ist Realität – und muss geregelt werden.
Der BStBK-Katalog fasst es präzise zusammen: KI ist kein Ersatz für steuerliche Expertise, sondern ein Verstärker. Routinen lassen sich automatisieren, Recherchen beschleunigen, Kommunikation verbessern. Die Verantwortung für die Ergebnisse bleibt beim Steuerberater.
2. Die drei Tools – kurz erklärt
ChatGPT (OpenAI)
ChatGPT ist der bekannteste KI-Assistent weltweit. Stärken liegen in der Textgenerierung, Dokumentenanalyse und – in der Business-Version – der Integration mit externen Diensten wie Google Drive oder Slack. Eine Websearch-Funktion ist inzwischen integriert, muss aber explizit aktiviert werden.
Was spricht dafür? Breites Fähigkeitenspektrum, große Community mit vielen Beispiel-Prompts, gute Texterstellung.
Was spricht dagegen? Ohne aktivierten Suchmodus kein Internetzugang; bei komplexen
Rechtsfragen reales Risiko plausibler, aber falscher Antworten (sog. Halluzinationen); der kostenlose Tarif ist für den Kanzleibetrieb datenschutzrechtlich nicht geeignet.
Kosten (Stand Mai 2026): Free (kostenlos), Plus (20 $/Monat), Business (25–30 $/Nutzer/Monat), Enterprise (Preisverhandlung ab ca. 150 Nutzern).
Claude (Anthropic)
Claude fällt durch sorgfältigere, differenziertere Antworten auf – und neigt weniger dazu, einfach das zu bestätigen, was der Nutzer hören möchte. Das sehr große Kontextfenster macht es besonders stark bei langen Dokumenten.
Was spricht dafür? Starke Analyse- und Strukturierungsfähigkeit, ausgewogene Argumentation, AVV nach Art. 28 DSGVO im Team-Tarif inbegriffen.
Was spricht dagegen? Kein Echtzeit-Internetzugang im Standardmodus (Stand Mai 2026); für spontane Recherchen deshalb weniger geeignet; weniger bekannte Community als ChatGPT.
Kosten (Stand Mai 2026): Free, Pro (~20 $/Monat), Team (~25 €/Nutzer/Monat, min. 5 Nutzer, inkl. AVV nach Art. 28 DSGVO), Enterprise (individuelle Preisverhandlung, EU-Datenspeicherung auf AWS Frankfurt möglich).
Perplexity
Perplexity ist keine klassische KI im Chatbot-Sinne, sondern eine KI-Suchmaschine: Antworten kommen werden immer mit Quellenlinks geliefert. Das ist der entscheidende Unterschied zu ChatGPT und Claude.
Was spricht dafür? Quellenbasierte Antworten in Echtzeit, ideal für schnelle Recherchen, aktuellste Informationen aus dem Web.
Was spricht dagegen? Deutlich schwächer bei Textarbeit und tiefer Analyse; erhebliche
Datenschutzbedenken im Standard- und Pro-Tarif – dazu mehr in Abschnitt 5.
Kosten (Stand Mai 2026): Free, Pro (~20 $/Monat), Max (~40 $/Monat), Enterprise Pro (individuelle Preisgestaltung).
3. Welches KI-Tool für welche Aufgabe?
Mandantenmail verständlicher formulieren
Hier punkten ChatGPT und Claude gleichermaßen. ChatGPT ist schneller und liefert auf Wunsch verschiedene Tonvarianten. Claude formuliert etwas sorgfältiger und behält fachliche Präzision besser. Perplexity ist für Schreibaufgaben das falsche Tool.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Sehr gut | Auf verschiedene Tonanforderungen ansprechen |
| Claude | ✅ Sehr gut | Klare Tonvorgabe hilft |
| Perplexity | ⚠️ Eingeschränkt | Nicht primär für Texterstellung konzipiert |
Komplexes Steuerthema laienverständlich erklären
Claude ist hier die stärkere Wahl. Das Tool tendiert weniger dazu, rechtlich relevante Details wegzulassen. ChatGPT funktioniert gut, hat aber ein höheres Vereinfachungsrisiko. Wichtig: Alle KI-Erklärungen zu Steuerrecht müssen vor Weitergabe an die Mandantschaft überprüft werden.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Gelegentlich zu vereinfachend |
| Claude | ✅ Sehr gut | Antworten ggf. kürzen |
| Perplexity | ⚠️ Eingeschränkt | Gibt Quellen an, erklärt aber wenig |
Recherche zu einer aktuellen steuerlichen Frage mit Quellenangabe
Für aktuelle Recherche – neue BMF-Schreiben, aktuelle BFH-Urteile, Gesetzesänderungen – ist Perplexity das geeignetste Tool, weil es immer mit Quellenlinks arbeitet. Kein KI-Tool ersetzt jedoch die Prüfung in DATEV, NWB, Beck oder den Primärquellen.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ⚠️ Mit Einschränkungen | Nur mit aktiviertem Suchmodus aktuell |
| Claude | ⚠️ Mit Einschränkungen | Kein Echtzeit-Zugang |
| Perplexity | ✅ Am besten geeignet | Quellenqualität selbst prüfen |
Checkliste für eine Kanzlei-Richtlinie zur KI-Nutzung erstellen
Zwei der drei genannten Tools– ChatGPT und Claude – funktionieren hier gut. Claude berücksichtigt eher die rechtlichen Dimensionen (§ 203 StGB, DSGVO, AVV). Empfehlung: KI-Ergebnis als Ausgangspunkt nutzen und mit der Muster-KI-Richtlinie des DStV (kostenlos, April 2026) abgleichen.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Ergebnis bleibt oft an der Oberfläche |
| Claude | ✅ Sehr gut | Lange Antworten – Nacharbeit nötig |
| Perplexity | ❌ Wenig geeignet | Nicht für Strukturierungsaufgaben |
Langen Fachtext zusammenfassen und in Handlungspunkte umwandeln
Hier hat Claude einen klaren Vorteil: Das sehr große Kontextfenster ermöglicht die Verarbeitung auch sehr langer Dokumente – BFH-Urteile, BP-Berichte, Gesetzesbegründungen – ohne dass dabei Informationen verloren gehen. ChatGPT funktioniert bei mittleren Textlängen gut; Perplexity fällt für diese Aufgabe aus.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Bei sehr langen Texten: Details gehen verloren |
| Claude | ✅ Sehr gut | Großes Kontextfenster, zuverlässig |
| Perplexity | ❌ Nicht geeignet | Keine Dokumentenanalyse |
4. Sinnvolle Kombination aller drei Tools
Kanzleien müssen sich nicht auf ein Tool festlegen. Ein möglicher Praxis-Workflow:
- Erste Recherche: Perplexity für aktuelle Gesetzes- oder Rechtsprechungslage – aber ohne Mandantendaten und im Standardtarif nur für öffentlich zugängliche Fragen.
- Tiefe Analyse: Claude für das Einarbeiten der Grundlagen, Strukturieren von Handlungsempfehlungen, Zusammenfassen langer Dokumente.
- Kommunikation: ChatGPT oder Claude für das Formulieren von Mandantenbriefen, E-Mails und verständlichen Erklärungen.
5. Datenschutz: Was in die KI darf – und was nicht
Das ist der Bereich mit dem größten Fehlerpotenzial in der Praxis.
Im kostenlosen Tarif gilt:
Keine Mandantennamen, keine Steuernummern, keine Angaben zu konkreten steuerlichen Sachverhalten eingeben. Diese Daten unterliegen § 203 StGB (Verletzung von Privatgeheimnissen) und der berufsrechtlichen Verschwiegenheit nach § 57 StBerG. Ein Standard-AGB-Klick bei einem US-Anbieter erfüllt die strafrechtlichen Anforderungen an eine ordnungsgemäße Weitergabe an einen Dienstleister nicht.
Im Business- oder Enterprise-Tarif mit AVV: Die Nutzung ist datenschutzrechtlich deutlich sicherer –
aber § 203 StGB gilt weiterhin. Auch mit AVV sollte keine unnötige Weitergabe von Mandantendaten erfolgen.
| Kostenlose Tarife | Business-/Team-Tarife | Enterprise | |
| Modelltraining mit Ihren Daten | Ja (Standard) | Nein | Nein |
| AVV nach Art. 28 DSGVO | ❌ | ✅ | ✅ |
| EU-Datenspeicherung | ❌ | ⚠️ Nicht überall | ✅ (bei Claude: AWS Frankfurt) |
| Für Kanzleibetrieb geeignet? | Nein | Eingeschränkt ja | Ja |
Quellen: Anthropic Commercial Terms (Stand Januar 2026), OpenAI Business-Seite, Perplexity DPA (Stand Februar 2026)
Zu Perplexity konkret: Im Standard- und Pro-Tarif werden Daten standardmäßig für das Modelltraining genutzt; eine DSGVO-konforme Einwilligung beim Tracking erfolgt nicht.
Erst im Enterprise-ProTarif fungiert Perplexity als reiner Auftragsverarbeiter. Wer Perplexity
ohne Enterprise nutzt, sollte dort keine mandantenbezogenen Daten eingeben.
Was sagen BStBK und DStV dazu?
- Der BStBK FAQ-Katalog empfiehlt: Bei KI-Anbietern, die nicht sicher datenschutzkonform sind, müssen personenbezogene und identifizierende Daten vor der Nutzung anonymisiert oder pseudonymisiert werden. Entscheidungen und die Verantwortung für die Ergebnisse bleiben stets beim Steuerberater bzw. bei der Steuerberaterin.
- Der DStV hat in seiner Muster-KI-Anwendungsrichtlinie (April 2026) klare Leitplanken gesetzt: Datenschutz und Verschwiegenheit (inkl. AVV und § 203 StGB), Qualitätssicherung und Mitarbeiteranweisungen. Die Richtlinie steht kostenlos auf dstv.de zum Download bereit.
6. Beispiel-Prompts zum Ausprobieren
Alle Prompts sind anonymisiert. Keine echten Mandantendaten verwenden.
- Mandantenmail vereinfachen (ChatGPT oder Claude)
„Formuliere die folgende Passage aus einem Steuerbescheid für einen Privatmandanten ohne Vorkenntnisse klar und verständlich um. Behalte alle relevanten Zahlen und Fristen bei. Verzichte auf Fachbegriffe, wo möglich, und erkläre sie kurz, wo sie unvermeidlich sind: [Text einfügen]" - Thema laienverständlich erklären (Claude)
„Erkläre einem Mandanten ohne steuerliche Vorkenntnisse, was der Unterschied zwischen Steuererklärung und Steuerbescheid ist, und was er tun sollte, wenn er mit einem Bescheid nicht einverstanden ist. Maximal 200 Wörter." - Aktuelle Recherche mit Quellenangabe (Perplexity – nur ohne Mandantendaten)
„Was sind die aktuellen Regelungen zur Steuerfreiheit von Photovoltaikanlagen für
Privatpersonen in Deutschland? Bitte nenne die relevanten Gesetze und aktuelle BMF-Schreiben mit Quellenangaben." - Checkliste Kanzleirichtlinie (Claude oder ChatGPT)
„Erstelle eine Checkliste für eine interne Kanzleirichtlinie zur KI-Nutzung. Berücksichtige: Datenschutz (DSGVO, AVV), berufsrechtliche Verschwiegenheit (§ 203 StGB, § 57 StBerG), Qualitätssicherung und Mitarbeiteranweisungen. Format: gegliederte Checkliste mit Checkboxen." - Langen Fachtext zusammenfassen (Claude)
„Fasse den folgenden Fachtext in maximal 150 Wörtern zusammen und nenne anschließend die drei wichtigsten Handlungspunkte für eine Steuerkanzlei: [Text einfügen]"
Für den Einstieg empfiehlt sich Claude Team oder ChatGPT Business: Beide bieten einen AVV, kein Modelltraining mit Ihren Daten und eine ausreichende Datenschutzbasis für den Kanzleibetrieb.
Wer heute noch die kostenlose Version von ChatGPT oder Perplexity für mandatsbezogene Inhalte nutzt, geht ein ernsthaftes rechtliches Risiko ein. Die BStBK und der DStV haben hier klare Leitplanken gesetzt. Eine schriftliche KI-Nutzungsrichtlinie – wie vom DStV als Muster bereitgestellt – ist keine Kür, sondern eine Notwendigkeit.
KI entlastet. Die fachliche Verantwortung, das steuerliche Urteil und die Prüfung der Ergebnisse bleiben unverändert beim Steuerberater bzw. bei der Steuerberaterin.
Quellen
- BStBK: FAQ-Katalog „KI im steuerberatenden Berufsstand", Stand 27.1.2026, veröffentlicht 11.2.2026. bstbk.de
- DStV: Muster-KI-Anwendungsrichtlinie, April 2026. dstv.de
- OpenAI: ChatGPT Business & Enterprise Pricing. openai.com/de-DE/business/chatgpt-pricing/ (Mai 2026)
- Anthropic: Commercial Terms, gültig ab Januar 2026. claude.ai
- Perplexity AI: Datenschutzerklärung, Stand 5.2.2026. perplexity.ai/de/hub/legal/privacy-policy
- Perplexity AI: Datenverarbeitungszusatz (DPA). perplexity.ai/de/hub/legal/dpa
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