4-tage-woche

VonAndreas Schollmeier

In Zeiten eines sich verschärfenden Fachkräftemangels und veränderten Erwartungen von Mitarbeitenden an ihre Arbeitgeber weckt das Modell der 4-Tage-Woche zunehmend Interesse. Einer der Vorreiter auf dem Themengebiet ist Steuerberater Andreas Schollmeier: In seinem neuen Buch „GAMECHANGER 4-TAGE-WOCHE“ berichtet er aus eigener Erfahrung über die Einführung des teil kontrovers diskutierten Arbeitszeitmodells und verrät, warum er es für das Rezept schlechthin gegen den Fachkräftemangel hält. Im Interview erzählt er, wie er die 4-Tage-Woche in seiner Steuerkanzlei erfolgreich umgesetzt hat, welche Herausforderungen dabei zu meistern waren und welche positiven Auswirkungen die Umstellung auf sein persönliches und berufliches Leben hatte.

Herr Schollmeier, Sie beschäftigen sich schon länger mit dem Thema 4-Tage-Woche und schreiben in Ihrem Buch „GAMECHANGER 4-TAGE-WOCHE“ über die Einführung des neuen Arbeitszeitmodells aus der Sicht eines Unternehmers und Beraters. Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sie auch in Ihrer Steuerkanzlei einzuführen?

Wir haben die 4-Tage-Woche im Jahr 2022 im Wesentlichen aus zwei Gründen eingeführt. Einerseits wollte ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Andererseits wollte ich als Unternehmer Fachkräfte gewinnen und binden.

In Ihrer Kanzlei wurde die wöchentliche Arbeitszeit zunächst von 40 auf 36 Stunden reduziert und dann auf 32 Stunden – bei gleichem Gehalt. Welche Voraussetzungen mussten geschaffen werden, damit diese Umstellung überhaupt möglich war?

Es ist wichtig, das Team in den Entscheidungsprozess einzubeziehen und individuelle Mitarbeiterbedürfnisse zu berücksichtigen. Daher habe ich zunächst das Team befragt. Da niemand dagegen war, haben wir die 4-Tage-Woche eingeführt. Das ging natürlich nicht einfach so, sondern wir haben es gut vorbereitet.

Wir haben das Team ausreichend qualifiziert, Prozesse optimiert und Arbeitsabläufe verschlankt. Im Einzelfall gab es individuelle Coachings.

Haben Sie als Kanzleiinhaber auch Ihre Arbeitszeit reduziert – und wenn ja, welche positiven oder negativen Effekte haben Sie dabei beobachten können?

Ich habe meine 7-Tage-Woche auf eine 5-Tage-Woche reduziert. Freitags kann ich nun ungestört arbeiten und mich auf meine Kanzleitätigkeiten fokussieren und mit der Kanzleistrategie beschäftigen. Ich habe jetzt die Zeit, am Unternehmen zu arbeiten, auch weil das TEAM mir hervorragend den Rücken freihält. Gleichzeitig bleibt am Wochenende mehr Zeit für die Familie. Insgesamt fühle ich mich gesünder und ausgeglichener. Mein Leben hat jetzt die richtige Balance. Nachteile haben wir bis heute keine feststellen können, für Herausforderungen haben wir praktikable Lösungen gefunden.

Durch digitale Prozesse und Prozessoptimierung wird Arbeitszeit eingespart, die dann für Freizeitaktivitäten zur Verfügung steht. Kritiker der 4-Tage-Woche bemängeln jedoch, dass sie in der Regel nicht zu Wachstum führt. Es wird lediglich die gleiche Leistung in kürzerer Zeit erbracht. Ist die 4-Tage-Woche also nur etwas für Unternehmerinnen und Unternehmer, die mit ihrem Umsatz und ihrer Gesamtleistung bereits zufrieden sind und gar nicht wachsen wollen?

Das halte ich für Quatsch. Wir sind schließlich das beste Beispiel. Die 4-Tage-Woche hat bei uns das (weitere) Wachstum erst ermöglicht. Durch zusätzliche Fachkräfte, die wir ohne die 4-Tage-Woche nicht gefunden bzw. gehalten hätten, konnten wir unser Wachstum sogar noch beschleunigen.

Ich habe mich im Jahr 2019 mit vier Mitarbeiterinnen und einer Auszubildenden selbständig gemacht. Heute haben wir 18 Mitarbeitende. Die Mandantenzahl hat sich entsprechend vervielfacht.

Wir haben damit Wohlstand und Arbeitsplätze geschaffen. Die Produktivitätsgewinne dabei den Menschen, die für mich arbeiten, in Form von Zeit und nicht nur dem Unternehmen zugutekommen zu lassen, ist für mich selbstverständlich.

Welchen Tipp hätten Sie für eine Steuerkanzlei, die noch Zweifel an der Umsetzung hat?

Auch ich hatte anfangs Zweifel, ob die 4-Tage-Woche funktioniert. Wir haben damals daher eine Testphase von sechs Monaten vereinbart. Das hat uns die Chance gegeben, das neue Arbeitszeitmodell auszuprobieren und meine Zweifel zu beseitigen. Bereits nach kurzer Zeit war uns klar, dass wir die 4-Tage-Woche beibehalten. Und später haben wir die Arbeitszeit ja dann sogar noch weiter reduziert.

Herr Schollmeier, vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Antworten.

Lesetipp!

Andreas Schollmeier:

GAMECHANGER 4-TAGE-WOCHE: Mehr Fachkräfte. Mehr Fokus. Mehr Freiheit.,

196 Seiten, 978-3957789242, 29,95 €

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Digitale Kanzlei

Andreas Schollmeier ist Inhaber einer mittelständischen Steuerkanzlei in Moers. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden entwickelt er digitale Lösungen und optimiert sowohl die Kanzlei- als auch die Mandantenprozesse. Sein Wissen und seine Erfahrungen im Bereich betriebswirtschaftlicher Beratung, Steuern und Finanzen sowie Digitalisierung teilt er mit seinem Team in seiner eigenen Inhouse-Akademie.

Bild: Adobe Stock/©Dragon Claws

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